Karin hat es NICHT getan, ist diesem immensen inneren Drang nicht erlegen, sie ist ihren “mörderischen Gedanken” und ihrer “unglaublichen Wut” nicht gefolgt. Stattdessen hat sie sich ihr gestellt – mit enormem Gewinn.

Dies ist der zweite (und letzte) Teil eines bemerkenswerten Interviews.

 

wut

Robert: An deiner eigenen Geburtssituation und die Vorkommnisse drum herum zu arbeiten, das ist ja ein unglaublicher Klärungsvorgang, oder?

Karin: Das kann man wohl sagen, und ich fühle mich jetzt auch als erwachsen. Weil ein kindlicher Anteil noch gebunden war in mir. Dennoch gibt es immer noch so einen Rest-Ärger, ich habe weder ihm noch mir schon zu hundert Prozent vergeben. Was geblieben ist, ist eine relative Vorsicht, wieder den Schritt in eine intensivere Beziehung zu gehen. Da ist mir mau zumute.

Robert: Dennoch hast du heute, ein paar Jahre nach der Trennung, einen enormen Gewinn?

Karin: Hab ich. Neulich sind mir per Zufall alte Bilder in die Hände gefallen, da dachte ich, oh Gott sei dank. Auf den Bildern war buchstäblich zu sehen, dass Albert eher ein Mann ist, der in der Passivität verharrt. Ich hätte all das, was ich vergangenes Jahr gemacht habe an Reisen und Erfahrungen, das hätte ich nie mit ihm machen können. Die Freiheit, die ich jetzt gelebt habe, das war nichts für ihn.

Robert: Wie hat sich dein emotionaler Zustand im Lauf der drei Jahre verändert?

Karin: Im ersten Jahr war ich komplett von der Rolle. Ich hab wirklich den Boden unter mir nicht wahrgenommen, trotz des spirituellen Trainings, das ich hatte. Ich habe dann total viel gemacht, Trauerarbeit zum Beispiel, so alles, was mir begegnet ist. Ich habe es angenommen, um tiefer zu gehen mit meinen Themen in Sachen Familiengeschichte.

Robert: Hatte das etwas Initiatorisches?

Karin: Ich habe es genutzt als Potenzial für Wachstum und Reifung.

Robert: Wie hast du die mörderischen Gedanken dieser besagten Nacht in den Griff gekriegt? Außer durch die Furcht festgenommen zu werden.

Karin: Dass ich sie so richtig gespürt habe, diese Gedanken. Und dann gab es etwas, das wie neben mir stand und mich beobachtet hat. Und irgendwann war die Nacht ja auch vorbei.

Robert: Du hast es dir so richtig ausgemalt, wie du dich ins Haus schleichst …

Karin: Jaaa!

Robert: Oho, deine Augen leuchten!

Karin: Ja, es war auch freudig. Ich habe in dem Moment richtig fühlen können, wie ein Mord im Affekt zustande kommt. Ich hab auch irgendwie seitdem emotional begriffen, warum Leute Dinge nicht verzeihen können, die zehn Jahre oder länger zurückliegen. Nur will ich da nicht drin hängen bleiben. Früher dachte ich, die sind ja ein bisschen blöd.

Robert: Warum geschieht einem so etwas, was glaubst du?

Karin: Es ist einfach eine Einladung, weiter zu gehen. Eine Einladung an meine Seele, weiter zu wachsen. Und ich vermute auch, dass diese drei Seelen, die da unterwegs waren, Albert, Sabine und ich, dass man sich irgendwie schon mal kannte. Könnte durchaus sein.

Robert: Was würdest du jemandem empfehlen, den solche mörderischen Gedanken plagen? Wie soll er oder sie damit umgehen?

Karin: Auskosten! Das heißt, in diese mörderischen Gedanken mal voll reingehen, ohne sie auszuführen natürlich. Das voll zu fühlen. Da steckt ja jede Menge Energie drin. Natürlich kann so was nur in einem geschützten Rahmen passieren und die Nachbarn dürfen nicht hinter einer Papierwand wohnen. Man muss auch schreien können.

Robert: Warst du alleine in dieser Situation?

Karin: Ich war alleine, ja.

Robert: War das gut für dich?

Karin: Ja. Aber das war kein schönes Gefühl.

Robert: Okay, könnte man als Einwand sagen, dann hab ich das also voll ausgekostet und voll gefühlt – und dann? Was mache ich dann? Bin ich dann drüber weg?

Karin: Dann setzt du dich erstmal ganz still hin und spürst nach. Der nächste Schritt im Spüren wäre dann ins eigene Herz zu gehen. Und aus dieser Herzensdimension alles noch mal anzuschauen.

Robert: In deinem ersten Jahr nach der Trennung hat du das nicht gemacht, oder?

Karin: Ich habe es immer wieder versucht, ich habe es nicht geschafft. In dem Moment, wenn ich in mein Herz gefühlt habe, ist ein so wilder Schmerz aufgebrochen, da war ich einfach fassungslos. Mir wurde schnell klar, dass 80 oder 90 Prozent dieses Schmerzes mit der Trennung von Albert rein gar nichts zu tun hatte, das war etwas ganz Altes.

Robert: Wie ist es heute, drei Jahre später?

Karin: Nachläufer sind noch immer zu spüren. Wenn das wie in meinem Fall so tiefe Themen und Wunden berührt, da braucht es auf jeden Fall Unterstützung. Das braucht man nicht alleine zu schaffen. Ich habe eine Schamanin gewählt, die mich begleitet und mit dem gearbeitet hat, was in meinem Körper abgespeichert war. Wir haben dann auch auf anderen Ebenen gearbeitet, zum Beispiel in die Vergangenheit zu gehen. So bin ich noch mal meinem Vater begegnet und konnte erkennen, wo er eigentlich stand in unserem Familiensystem – dass er eigentlich so ganz verloren war. Die Schamanin fragte mich daraufhin, ob ich eine Ahnung hätte, woher dieses Verlorensein kommen könnte. Dann sind der tote Bruder meines Vaters aufgetaucht, der im Krieg gefallen ist, und deren Mutter, meine Großmutter … [Karin weint] … Solche Arbeit habe ich da gemacht und das war echt gut.

Robert: Wenn jemand Angst hat vor so etwas, was würdest du dann empfehlen?

Karin: Dann einfach eine ganz klassische Gesprächstherapie, wo einem jemand gegenüber sitzt und diesem ganzen Wirrwarr erstmal mitfühlend zuhört. Oder eine Selbsthilfegruppe. Jedenfalls eine Begleitung zu haben, jemanden mit dem man sprechen kann. Auf keinen Fall das Ganze beerdigen! Zupacken! Nicht beerdigen, nicht nichts machen! Ich kenne Frauen, die nach einer schmerzhaften Trennung einfach aufgegeben haben. Die gehen nicht mehr los. Ich habe mir damals geschworen, dass ich das so auf keinen Fall machen werde.

Robert: Klingt auch wie ein Stück weit dem Leben gegenüber aufgegeben.

Karin: Ja, schön den Ball flach halten, mit der ein oder anderen Freundin nett ins Theater gehen, aber das Thema Mann und Sexualität und Liebe und Unberechenbarkeit – raus! Weg damit! Das Risiko, die Angst vor dem Schmerz ist zu groß.

Robert: Woher hattest du die Kraft zu sagen, das mache ich anders?

Karin [zögert]: Weil mir das einfach nicht entspricht. Und weil ich auch sehr viele positive Vorerfahrungen hatte. Ich bin seit gut 20 Jahren in irgendeiner Form mit Selbsterfahrung unterwegs. Am Anfang Encouter-Gruppen bei den Sannyasins und so, ich war immer sehr neugierig.

Robert: Dir war das Arbeiten an dir selbst also vertraut.

Karin: Ja, ich habe in der Extremsituation der Trennung nicht Neuland betreten. Ich bin dahin gegangen, wo ich gute Erfahrungen gemacht hatte. Im Grunde habe ich bekannte Lösungsstrategien angewendet, nur dass sie nicht so schnell wie vorher geholfen haben.

Robert: Das klingt nach einer Erkenntnis: Fange auf jeden Fall JETZT an, egal wo du stehst im Leben. Mache etwas, schau dir dich und deine inneren Fragen an, deine Emotionen, mache irgendetwas, damit du in schwierigen Situationen auf etwas zurückgreifen kannst, was du schon kennst.

Karin: Ja genau, das bedeutet es.

Robert: Du bist durch den Schmerz noch nicht ganz durch, sagtest du.

Karin: Ja, es ist noch so ein Restgroll vorhanden. Da könnte man auch drüber weg kucken, denkt es sich dann leicht. Will ich aber nicht. Ich werde mich demnächst mit der Radikalen Vergebung nach Colin Tipping beschäftigen, ich glaube, das passt da gut. Wie gesagt, es muss von unten heilen.

Robert: Ja, es muss von unten heilen, ein schönes Bild. Ich danke dir für dieses Gespräch.

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