„Da war eine unglaubliche Wut“ – Wenn Liebe plötzlich töten will (1)

Nennen wir sie Karin, Albert und Sabine. Karin war 50, als sie „diese mörderischen Gedanken“ hatte, als die Wut sie überschwemmte und sie sich ausmalte, „wie es ist, die beiden zu erschießen“, ihren Freund und Geliebten Albert und dessen neue Königin Sabine. Wegen der Albert Karin verlassen hatte. Das ist jetzt drei Jahre her.

Karin hat es nicht getan, sie hat sich nicht in die Wohnung geschlichen, mit einer Waffe unter der Jacke, sie hat sich und allen anderen das Verbrechen erspart. Stattdessen begann sie einen begleiteten Verarbeitungsprozess, knüpfte an Methoden und Erfahrungswerte an, die sie von früher kannte, und nahm die Wut in ihren Fokus. Das hat sie ihre eigene „Weg-Bewegung“ von Albert erkennen lassen, und dass der höllische Schmerz und die abgrundtiefe Wut „zu 80 oder 90 Prozent (…) mit der Trennungssituation rein gar nichts zu tun hatte, das war etwas ganz Altes“, wie sie heute sagt.

Karin war mutig und erfahren genug, sich in dieser emotional hochexplosiven Lebensphase an früher schon genutzte Selbsterfahrungs-Werkzeuge zu erinnern und mit und an sich selbst zu arbeiten. Unterstützt von erfahrener Begleitung. Das führte sie an tiefe, ungelöste Fragen und Schmerzpunkte ihrer Herkunftsfamilie. Ihr Gewinn ist eine große Klarheit, die ihr – heute! – sehr viel bedeutet. Auch wenn sie noch „Restgroll“ auf Albert in sich spürt.

Robert: Wie lange wart ihr ein Paar?

Karin: Drei Jahre und ein paar Monate waren wir zusammen, also eigentlich nicht lange, wenn man es genau nimmt. Trotzdem hatte ich solche Schwierigkeiten, nach der Trennung für mich eine gute Wendung hinzukriegen. Weil ich diesem Mann einfach geglaubt hatte, dass er mich an die erste Stelle setzt und dass er loyal ist. Ich bin nicht empfindlich, wenn es um eine sexuelle Begegnung mit einer anderen Frau geht. Aber was da passiert ist, das ging zu weit. Das habe ich als großen Vertrauensbruch empfunden. Ich war auf die Frau so böse, mehr auf die Frau war ich böse. Weil sie in meiner Wahrnehmung sehr lange systematisch darauf hingearbeitet hat, ihn an sich zu binden. Er war damals ihr Sehnsuchtspunkt. Im Nachgang habe ich herausgefunden, dass es in meiner Herkunftsfamilie sehr viele Entsprechungen gibt für dieses Vorkommnis.

Robert: Was war passiert in deiner Familie?

Karin: Ein Beispiel. In der Nacht, als ich geboren wurde, da war mein Vater nicht bei meiner Mutter. Sie war ganz alleine im Krankenhaus. Das Krankenhaus war unterbesetzt und im Umbau, und in dem Moment als ich geboren wurde, war sie komplett alleine. Es war keine Hebamme da,  kein Arzt, als sie mich zwischen ihren Beinen liegen spürte. Sie war in panischer Angst. Zur selben Zeit hat mein Vater meine Mutter mit ihrer besten Freundin betrogen. Und danach kam der einfach nicht ins Krankenhaus, so wie man normalerweise kommt am nächsten Tag, wenn die Ehefrau ihr Kind bekommen hat, und man Blumen bringt und so. Er ist erst nach zwei Tagen gekommen, weil er so ein schlechtes Gewissen hatte. In diese Situation bin ich hineingeboren.

Robert: Puh … Du sagtest „Entsprechungen“ – wie bist du mit diesen Erkenntnissen umgegangen?

Karin: Ich habe intensiv damit gearbeitet. Es gibt einen Prozess, wo man nach innen geht und gedanklich alle Beteiligten an einem Feuer versammelt. Durch das genaue Hinschauen habe ich gemerkt, dass der Frau das total leid tat, dass sie damals mit meinem Vater ins Bett gegangen ist. Auch meinem Vater tat das total leid. Trotzdem war es passiert – und hatte Wirkung in meiner Familie. Mit dem gesamten Kontext dieses Ereignisses habe ich mich dann auseinandergesetzt.

Robert: Und was war noch? Ist die Wut in die hochgekocht?

Karin: Da waren noch diese mörderischen Gedanken. Es gab wirklich eine Nacht, da habe ich mir ausgemalt, wie ich in das Haus gehe und die beiden erschieße. Ich kannte ja die Räumlichkeiten bei Albert genau, ich wusste auch wo der Schlüssel ist. Das war unglaublich, da war eine unglaubliche Wut. Die letztendlich auch nicht angemessen war, wenn ich es mit Abstand betrachte, aber sie war einfach da. So eine Wut … boahh … ich hab´s im ganzen Körper gespürt. Und ein Grund dafür war, dass es Alberts neuer Frau komplett egal war, wie es mir ging in diesem ganzen Durcheinander.

wutRobert: Wäre es dir mit Verständnis und Mitgefühl durch Alberts neue Frau besser gegangen?

Karin: Bei dem Thema werde ich total emotional. An der Sache war etwas unfair. Es gibt eine Seite in mir, die will Recht damit haben, es soll anerkannt sein, dass das unfair war. Dieses Rechthaben wollen ist … [zögert] … na ja, erleuchtet ist es auf jeden Fall nicht.

Robert: Ist es vor allem Enttäuschung und Wut gegenüber dem eigenen Geschlecht?

Karin: Ja, das ist es auf jeden Fall. Diese absolute Rücksichtslosigkeit und nur auf den eigenen Vorteil zu kucken. Punkt. Es hat mit Kränkung zu tun und sich in irgendeiner Form gedemütigt zu fühlen, so eine Mischung muss dabei sein, wenn es so lange anhaftet. Es ist ein Mischmasch aus allem Möglichen. Kränkungen gut zu integrieren, das ist echt schwer. Für mich zumindest. Es ist letztendlich auch nah dran am Selbstwert.

Robert: Kränkung, wie würdest jemandem dieses Gefühl erklären?

Karin: Kränkung ist … mhh … erinnere dich an irgendeine Situation aus deiner Kindheit, wo du beschämt wurdest. So ein Gefühl ist das. Beschämt. Gekränkt.

Robert: Wo du in deinem Wesen übergangen wirst oder weggewischt?

Karin: Ja. Und genau das gibt dem Anhaften an diesen Empfindungen sehr viel Energie, das hält die Wunde so lange am Gären, das macht es so schwierig , es völlig zu heilen.

Robert: Müsstest du dich noch einmal diesem unglaublichen Schmerz von damals aussetzen, um das zu überwinden?

Karin: Nein, ich glaube, das müsste ich jetzt nicht mehr. Es ist jetzt eine Zeit gekommen, in der die Energie in eine andere Richtung geht. Nur der Kränkungsanteil ist eine tiefe Wunde, die muss auch von unten heilen.

Robert: Diese unglaubliche Wut, kannst du dich erinnern, wo die körperlich am meisten zu spüren war?

Karin: Die Wut war ganz stark im Bauch, sie war sehr geerdet, sie war auch sehr sehr kraftvoll. Und sie hatte so was altes Hassendes, ganz Urwüchsiges, etwas richtig Archaisches. Ich hätte mir selbst in diesem Moment nicht gerne begegnen wollen.

Robert: Fühltest du dich so ungerecht behandelt?

Karin: Total. Ich habe mich sehr hintergangen gefühlt und ungerecht behandelt. Als ich Albert kennen lerne, war ich sehr aktiv in der Tantra-Szene, und ich habe ihn da eingeführt. Er fand das klasse und hat Tantra-Trainings begonnen, was ich absolut unterstützt habe. In diesem Kontext hat er Sabine kennen gelernt. Ich habe auch unterstützt, dass die beiden viele Übungen zusammen machten, das war vielleicht ein bisschen blauäugig. Da entsteht ja was, wenn man über einen längeren Zeitraum fast alle Übungen zusammen macht.

Robert: Er hat dir nichts erzählt?

Karin: Doch, er hat davon erzählt. Ich habe auch gemerkt, dass es ihm gut tut, in Sabine einen Ankerpunkt zu haben in dem Kurs dort. Das hat lange Zeit unsere Beziehung nicht tangiert. Es hat uns in dem Moment tangiert, als ich mal erwähnte, dass ich mich und ihn nicht ein Leben lang zusammen sehe. Ja, es gab eine Weg-Bewegung von ihm in mir. Insofern hat die neue Frau an Alberts Seite daher auch was Folgerichtiges. Und trotzdem war ich so unglaublich wütend und so wahnsinnig verletzt. Das hat mir echt den Boden unter den Füßen weggezogen.

Robert: Du sagtest, du hattest darauf vertraut, dass er dich an die erste Position stellt. Und du erwähnst jetzt eine Weg-Bewegung …

Karin: Es gab ein Gefälle zwischen uns, was ein Problem war. Ein Gefälle was den notwendigen persönlichen Bewegungsspielraum betraf, was unsere persönliche Power anging und das aktive Gestalten des Lebens. Was mich zu ihm sehr hingezogen hat, war ein tiefes Gefühl der Geborgenheit … [sie weint] … es war einfach sehr warm. Aber jenseits der Auseinandersetzung über seelische Themen war es nicht wirklich anregend. Das würde ich auch nie wieder machen: Nur um dieses Bedürfnis nach Geborgenheit zu erfüllen, mich so tief auf einen Mann einzulassen, in dem ich kein richtiges Gegenüber habe und nicht auch meine anderen Themen besprechen kann. Das war das Gefälle in der Beziehung, das hat mich so unzufrieden gemacht. Albert hat das natürlich gespürt, das hat ihn auch in Alarm versetzt, weil er mir ja auch sehr zugewandt war. Was er tun konnte, das war, eine andere Frau einzuführen in diese Dynamik.

Robert: Sagen wir mal, das war eine Möglichkeit.

Karin: Ja, und die hat er gewählt.

Robert: An deiner eigenen Geburtssituation und die Vorkommnisse drum herum zu arbeiten, das ist ja ein unglaublicher Klärungsvorgang, oder?

  • Weiter geht´s in Teil 2. Darin geht es um den Gewinn, den Karin aus diesen Erfahrungen hat. Und was sie empfiehlt, wie man Wut und Enttäuschung und rasende Schmerzen in den Griff kriegen kann.

Foto: D. Novakovich

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